Seltsame Dynamiken – Teil 2

Ich wollte jemand anderes sein, solange ich mich zurück erinnern kann. Aber ich hatte nie eine wirkliche Version davon, wer ich eigentlich genau sein möchte. Und leider fällt es unendlich schwer sich fortzubewegen, wenn man keine Ahnung hat, wohin man gehen möchte. Es bleibt bei einem planlosen Irren und letztendlich lief ich nur im Kreis.

Ich habe immer wieder versucht irgendwelche Ziele zu erreichen, aber ich hatte keine Ahnung, was ich tun sollte, sobald ich sie erreicht habe und ließ sie wieder fallen. Ich merkte, dass mir der regelmäßige Sport und die Tätigkeit in dem Pseudo-Verein nichts brachte und hörte damit auf. Ich versuchte Freundschaften in meiner Schule zu schließen, aber das regelmäßige Treffen mit Menschen fand ich in erster Linie anstrengend und stressig. Ich konnte daraus wenig für mich gewinnen und habe selten jemanden mehr als einmal besucht.

Irgendwann fand ich mich in der paradoxen Situation mich zwar furchtbar einsam zu fühlen, aber kein Bedürfnis nach menschlichem Kontakt zu haben. Ich wollte Liebe, Nähe und Sex, aber dafür nicht mit Menschen interagieren müssen.

Zum Glück bekam ich irgendwann einen Internetanschluss. Meine erste sexuell-romantische Beziehung lernte ich in einem Chat kenne. Wir verstanden uns sehr gut und hatten ausdauernde Gespräche, erst per Chat und dann per Telefonat. Ich mochte sie gerne und wir behaupteten einander zu lieben.

Ich dachte unsere Beziehung ließe sich problemlos auch auf das Physische übertragen. Ob ich mit ihr per Telefon rede oder von Angesicht zu Angesicht spiele keine Rolle. Der erste und einzige Besuch bei ihr, hat mich da eines Besseren belehrt.

Für mich war die Separatheit, die Abgegrenztheit meines Seins von der äußeren Welt, insbesondere anderen Menschen, immer der Kern meiner Existenz. Was bedeutet es denn nicht mehr abgegrenzt von etwas anderem zu sein? Es heißt, dass man sich vermischt, sich auflöst; man hört auf zu existieren. Ich sah mich in meiner Abgegrenztheit immer bedroht. Nicht bewusst, aber unterbewusst und dort sehr intensiv.

Wenn ich mit ihr im Bett lag und wir uns küssten, hatte ich das Gefühl verschlungen zu werden. Die Nähe war furchtbar, beängstigend und abstoßend. Leider ist es äußerst abträglich für die allgemeine Stimmung, wenn einem beim Küssen so schlecht wird, dass man sich davon übergeben muss.

Wir hatten an diesem Abend aber nicht nur meine, sondern auch ihre Grenzen verletzt. Ersteres hatte nur die Konsequenz, dass mir schlecht wurde. Letzteres hatte die Konsequenz, dass sie aus einer kleinen Schatulle eine Ecke einer Rasierklinge nahm und sich später ein Tuch auf den Blut getränkten Bauch drückte.

Ich konnte nach dem Besuch nie mehr mit ihr reden und antwortete nicht mehr auf ihre Nachrichten. Ich habe die Gefühle, die Nähe, ihre Verletzlichkeit und alles nicht mehr ertragen.

Das ich schwerwiegende Nähe-Probleme hatte, habe ich leider erst viel zu spät begriffen. Die Unerträglichkeit die romantische oder freundschaftliche Nähe auf mich ausübte, hat sich viele Jahre lang äußerst destruktiv auf mein gesamtes Sozialleben ausgewirkt und immer zur Folge, dass ich nach höchstens einigen Monaten Kontakte abbrach.

Meine Abitur machte ich mit einer schlechten drei, da mir jedes Interesse an meiner schulischen Leistung völlig abging. Da Informatik keinen Numerus Clausus hatte, entschied ich mich einfach für dieses Studium. Die erste Studienzeit war schwer für mich.

Wir wurden zwangsintegriert in das Studentenleben, durch gemeinsames Essen, Kneipentouren und ähnliches Veranstaltungen für Erstsemestler. Da ich Menschengruppen weder ertrug noch ertragen lernen wollte, bin ich irgendwann auf einer der Kneipentouren einfach wortlos stehen geblieben und unbemerkt abgehauen. Ich war fortan schwer darauf bedacht, keiner meiner Kommilitonen dort zu begegnen, aus Angst für irgendwas eingeladen zu werden.

Schlimmer war für mich aber der Umstand, dass das Studium zu schwer für mich war. Zuviel Mathe, absolut keine Programmierkenntnisse, die Voraussetzungen für die Vorlesungen waren. Ich war alleine nicht in der Lage das Studium zu bewältigen und hatte keine Ahnung, wen ich um Hilfen bitten könnte; abgesehen davon, dass ich niemals jemanden um Hilfe gebeten hätte.

Ich brach’ das Studium nach einigen Wochen ab und studierte an einer FH. Im Kontrast zur Universität fand’ ich das Studium an der FH leicht. Viel, viel zu leicht. Ich hatte das Gefühl, dass meine Erfolge dort völlig unverdient waren, da nur geringe Vorbereitung ausreichend war, um gut mitzukommen.

Weil es so leicht war, entschied ich mich hin und wieder einfach nicht zum Unterricht zu kommen. Ob ich da war oder nicht, machte keinen Unterschied für mich. Die Tage an denen ich nicht das Haus verließ nahmen zu und wurden irgendwann zu zusammenhängenden Perioden. Aus ihnen wurden schließlich ganze Wochen.

Mit der Zeit fiel mir immer schwerer das Haus zu verlassen. Ich bekam plötzlich Angst Menschen zu begegnen. angesprochen zu werden, gefragt zu werden, wo ich bleibe, beobachtet zu werden, bewertet zu werden. Ich bekam Angst den Müll heraus zu bringen, weil ich mir vorstellte, was mein Müll alles über mich erzählen könnte.

Ich weiß nicht mehr, was ich in all der Zeit in einer kleinen Wohnung, mit abgeschotteten Fenstern und ohne Fernseher oder Bücher getan habe. Ich weiß nur noch, dass ich mich über Tage von Zwieback ernährte, weil ich nicht einkaufen gehen konnte.

Ich weiß auch gar nicht mehr, wie lange diese Phase ging. Aber ich war wohl irgendwie vier Semester lang dort eingeschrieben. Irgendwann brach’ ich in meiner Wohnung, ich nehme wegen Nahrungsmangel, zusammen. Mir wurde klar, dass ich hier sterben konnte und meine Leiche nur aufgrund olfaktorischer Belästigung einige Wochen später entdeckt werden würde.

Ich war danach denkbar motiviert mein Leben wieder unter Kontrolle zu bringen und ging zu einem Psychiater. Das brachte mir jedoch so gut wie nichts; ich wollte nicht über mich reden und die Antidepressiva brachten einen Scheiß.

Vor meiner agoraphobischen Phase hatte ich es tatsächlich geschafft noch zwei sexuelle Beziehungen zu führen. Die eine war nur kurzlebig mit einer tendenziell übergriffigen Person, die sich den Sex von mir mit Aufdringlichkeit nahm, wenn sie ihn wollte. Leider verliebte sie sich auch in mich. Als sie vor Liebeskummer weinend in meinen Armen lag, ekelte ich mich vor ihren Tränen, die ihren Weg durch mein Hemd auf meine Brust fanden.

Die zweite sexuelle Beziehung war eher eine sexuell-konnotierte Freundschaft. Mit ihr war der Sex zunächst unkompliziert und zu Beginn auch sehr angenehm. Ich fühlte mich aber zunehmend unwohl damit, mich nackt mit ihr zu befassen. Ich fühlte mich nicht wohl in meinen Körper und hatte Angst von ihr mit ihren zahlreichen Liebhaber verglichen zu werden. Wir hatten davon abgesehen eine fruchtbare Freundschaft, die mir irgendwann  zu viel und daher abgebrochen wurde.

Wie auch immer: Ich brach das Studium an der FH ab und entschloss mich, noch einmal Informatik in einer anderen Stadt zu studieren. Mir war klar, dass ich dieses Studium erfolgreich zu Ende bringen muss, da ich keine vierte Chance auf ein Studium bekommen würde. Ich zog das Studium daher auf Gedeih und Verderb durch, auch wenn mir die Mathematik schwer viel und die meisten Vorlesungen für mich grausam langweilig waren.

Während dieser Zeit, tat ich nichts außer studieren und eine Schüssel Reis am Tag zu essen. Ich hatte über Wochen keinen Kontakt zu Menschen und lag mich Abends in mein Bett, um wieder und wieder “Ruf der Wildnis” zu lesen, da mich der Überlebenskampf des Hundes Buck in der Eiswüste Alaskas an mein eigenes Leben erinnerte und tröstete.

Ich habe es geschafft dort meinen Bachlor in Informatik machen und mehrere Jahre in einer Großstadt leben, ohne eine einzige zwischenmenschliche Beziehung zu entwickeln; ich kannte keinen meiner Kommilitonen mit Namen. Allerdings hatte ich zwei Fernbeziehungen.

Die erste war ein Musterbeispiel einer pathologischen Beziehung. Ich lernte sie über ein Selbstmordforum kennen. Sie war der liebste und zärtlichste Mensch, den ich jemals kennenlernte. Wir sprachen zunächst viel mit einander und ich freute mich, über ihr Interesse an mir. Ich war geschmeichelt, dass sie nicht wollte, dass ich ein Gespräch beendete, weil ich schlafen oder zur Uni musste.

Ihre Weigerung nicht mit mir zu reden, war erst bittend, dann fordernd, dann zwingend und flehend. Während des Abends fing es irgendwann an, dass sich ihre Persönlichkeit änderte. Sämtliche Freundlichkeit und Zärtlichkeit wich aus ihr zurück und es blieb nur Hass und Verachtung über.

Unsere Beziehung bestand irgendwann aus dem Ritual tagsüber lieb und nett zueinander zu sein und Nachts mich verachten, beschimpfen, beleidigen und völlig hassen zu lassen. Ich konnte es bald nicht mehr ertragen, aber ertrug es doch. Ich glaube für etwa zwei Jahre. Danach konnte ich nicht mehr.

Die zweite Beziehung war eigentlich keine richtige und lief deshalb relativ gut. Wir sprachen am Anfang viel, bald kaum noch miteinander, aber sie besuchte mich alle paar Monate für einige Tage. Unser Umgang war freundlich und vertraut, aber auch kühl und distanziert. Wir waren beide nicht verliebt ineinander und waren uns dessen völlig bewusst. Wir kamen miteinander aus.

Im Laufe der Jahre divergierten wir jedoch auseinander. Als sie depressiver und ihr Feminismus radikaler wurde, wurde die Kommunikation mit ihr spärlicher und schwieriger. Das Letzte was ich von ihr hörte war, dass sie eine Kontaktpause braucht und ich denke, dabei wird es auch bleiben.

Ich war dysphorisch und resigniert und sah keine Chance darauf, mein Leben jemals in einer Bahn zu bewegen, mit der ich so etwas wie Glück oder Zufriedenheit erfahren würde. Ich machte meinen Master, fand Arbeit und startete den Blog hier.

Dann gab’ es einen Wendepunkt und vieles was ich in den letzten 30 Jahren nicht schaffte, konnte ich in den letzten Monaten nehmen.

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Seltsame Dynamiken – Teil 1

Als ich von der Grundschule zur Hauptschule wechselte, war ich plötzlich gezwungen mit dem Schulbus zu fahren. Das Fahren mit so einem Schulbus ist nur sekundär ein Transportakt. Primär ist es eine Inszenierung vom Herr der Fliegen; ein kleiner Ausblick wie so eine postapokalyptische Welt funktionieren würde, wenn man eine Menge unterbelichteter Soziopathen auf engem Raum zusammen pfercht.

Da ich wenig Lust hatte unbestimmte Minuten auf einen notorisch verspäteten Bus zu warten, um mich dabei vor älteren Mitschülern schlagen, mit Steinen bewerfen, verspotten und sonst was zu lassen und vor allem, weil die Busfahrt meine Toleranzschwelle für das Kubik-Idiot-Verhältnis mehr als sprengte, habe ich mich frühzeitig dazu entschlossen die Strecke zu Fuß zu gehen.

Beim Hinweg folgte ich der Straße, was eine überschaubare, wenn auch unangenehme Strecke war. Unangenehm deshalb, weil ich mich von den vorbeifahrenden Wagen ständig beobachtete fühlte. Der Spotlight-Effekt war bei mir schon immer sehr stark ausgeprägt gewesen. Beim Rückweg gönnte ich mir aber die Zeit und ging durch einen angrenzenden Wald.

Ich war damals nur dann annähernd entspannt, wenn ich garantiert ungestört und alleine war. Glücklicherweise bot mit dieser Weg genau das. Dieser Nachhauseweg war im Grunde eine Stunde lang reiner Eskapismus.

Im Grunde eine schöne Zeit des Tages, wenn ich grundsätzlich zu solchen Empfindungen, wie Glück und Zufriedenheit fähig wäre. War und bin ich aber nicht. Damals schon von Selbsthass und grimmigen Trotz getrieben, sinnierte ich über mich und mein Leben nach. Beides keine angenehmen Themen, aber ich hatte keine anderen.

Mein Selbsthass war total. Ich hasste meinen übergewichtigen, weichen, rundlichen, unsportlichen und ungeschickten Körper, meine soziale Schwerfälligkeit, mein fragiles, launisches Selbstwertgefühl, meine unpassende Heulerei, meine Einsamkeit; ich hasste was ich tat, wer ich bin und was hatte. Das einzige was ich an mir mochte, das war mein Selbsthass. Ich konnte mich damit identifizieren; der Hass gab mir Motivation und Antrieb und suggerierte mir ein Bild von Stärke und Überlebensfähigkeit.

Irgendwann während jener Wanderungen entschloss ich, dass ich, wenn ich mich selbst hasse doch einfach jemand anderen werden könnte. Dieser Gedanke wurde ausgelöst durch einen demütigenden Langlauftag. Ich habe die zu joggende Strecke kaum gehend geschafft und ging als einer der letzten ins Ziel ein. Da nur die Klassenleistung bewertet wurde und ich die Leistung meiner Klasse so in den Keller zog, wurde ich entsprechend behandelt und ausgegrenzt.

Angefüllt mit Erschöpfung und Selbstverachtung beobachtete ich neidend die Läufer der anderen Klasse, die sportlich und elegant ins Ziel laufen konnten. Die dabei bejubelt wurden, die gut aussahen, die sich über ihren Erfolg freuten, die positive Aufmerksamkeit und Wertschätzung bekamen, die nach Hause gehen konnten und ihre beschissenen Medaillen aufhängen durften, um sie bei den vielen Gelegenheiten in denen sie Besuch hatten zusammen mit anderen Trophäen zu präsentieren.

Besonders aufgefallen ist mir eine, in meinen Augen, wunderschöne Läuferin die damals als erste ins Ziel kam. Zwischen dem destruktiven Neid meines kindlichen Gemüts mischte sich zu diesem Zeitpunkt erstmals so etwas wie sexuelles Verlangen und romantisches Begehren.

Ich wollte in ihre Welt eindringen und dachte, das würde mir gelingen sobald ich meine körperlichen Defizite überwinden könnte.

Ich fing an, den nach Nachhauseweg joggend zurück zu legen. Eigentlich ein lustiger Anblick: Ein kleiner fetter Junge, der mit schwerem Rucksack beladen, sich vergeblich bemüht durch den Wald zu rennen. Leider hatte ich außer dem Wunsch endlich, endlich jemand anderes zu werden zu diesem Zeitpunkt wenig, um meine Ziele auch tatsächlich zu erreichen. Ich hatte niemanden er mich unterstützen konnte, ich wusste nichts über Sport oder Ernährung, mir fehlte es an Ausdauer und Selbstdisziplin und ich hatte noch nicht einmal wirklich Zuversicht auf ein Gelingen.

Ein paar Wochen später bekamen wir an der Schule einen Gastvortrag eines privaten Trainers. Er referierte lange und interessant über adäquate Ernährung, über Bewegung und Training. Gegen Ende fragte er in der Klasse, ob jemand der Schüler Interesse hatte sich von ihm trainieren zu lassen. Als ich meinen Mut zusammen nahm und mich vor der gesamten Klasse zaghafte meldete, war mir nicht klar gewesen, dass er genau jenes Mädchen ebenfalls trainierte, das ich so sehr begehrte.

Es war das erste mal, dass ich so etwas wie einer freiwilligen sozialen Tätigkeit nachkam und ich war relativ stolz auf mich. Der informelle Charakter des Trainings und die recht kleine Größe unserer Gruppe halfen mir.

Durch den regelmäßigen Sport und eine Diät nahm ich schnell ab und wurde allmählich sportlicher. Die Fähigkeit längere Strecken ohne Seitenstechen und krampfhaftes Hecheln zu joggen, schenkte mir ein Hochgefühl. Ich denke, es war einer der ersten Augenblicke, bei dem ich so etwas wie Stolz auf meinem Körper spürte.

Mit dem Subjekt meiner Begierde kam ich auch in Kontakt. Das geschah eher unvermeidlich, da wir die einzigen beiden waren, die wirklich regelmäßig trainierten und in einem gemeinsamen Alter waren. Ohne diese Konditionen, hätte ich vermutlich nie ein Wort mit ihr gewechselt, da ich vollkommen unfähig war, mich auf eine funktionale Art und Weise einem anderen Menschen zu nähern. Ich wusste nicht, was ich sagen oder tun sollte, wie man Konversation führt, wie man Interesse weckt, wie man etwas zusammen unternimmt.

Ich hatte es vorher auch noch nie ernsthaft versucht und war über mein Mangel an sozialer Fähigkeit völlig frustriert. Mir ist zum ersten mal bewusst geworden, dass ich ganz unabhängig von meinen körperlichen Defiziten, einfach nicht in der Lage war mit Menschen auf eine freundschaftlich, intime Art zu interagieren. Dafür war mein soziales Repertoire bei weitem schlicht zu verkümmert.

Meine Versuche diese unsichtbare Wand zwischen ihr und mir zu durchbrechen, waren in der Summe zu peinlich um sie hier aufschreiben zu können. Letztendlich verblieben wir bei einem schüchternen Umgang miteinander und ich begehrte sie im Stillen.

Nur ein Moment war uns tatsächlich vergönnt: Wir waren für eine Woche in einem gemeinsamen Trainingslager. Während einer Nacht dort, kam sie in mein Zimmer und fragte, ob ich Zeit für sie hätte. Natürlich hatte ich das, obwohl es mir etwas peinlich war, dass ich, als ich aus dem Bett aufstand in Schuhe und Jeans vor ihr stand, da ich in einer derartig fremden Umgebung mich nicht traute, auch nur ein Kleidungsteil auszuziehen.

Sie führte mich in einen leeren Raum. Wir fingen an Tetris gegeneinander zu spielen. Wir sprachen nicht miteinander. Ich gewann. Und wir hörten auf zu spielen und trennten uns wieder. Ich weiß bis heute nicht, wie es dazu kam, aber ich hatte das Gefühl, dass sie mehr wollte. Ich weiß nicht was; vielleicht eine Unterhaltung über etwas führen, das sie beschäftigte. Aber ich wusste nicht, was ich sagen oder tun sollte und so blieb es dabei.

Wir kamen niemals auf irgendeiner Ebene zusammen und irgendwann verlor ich auch schlicht das Interesse daran.

Im Nachhinein ist mir aber einiges klarer. Erstens: Ich hatte nie Interesse an ihr als Person, weil sie für mich charakterlich nicht spannend genug war. Meine Versuche mit ihr zu reden, waren einfach von vorneherein zum Scheitern verurteilt, da wir kaum eine gemeinsame Gesprächsbasis hatten. Trotzdem schob ich unser kühles Verhältnis vollständig auf mich und Unfähigkeit ein Gesprächs zu führen. Zweitens: Ich denke, sie war tatsächlich auch an mir interessiert, aber vermutlich ähnlich unfähig, dies zu entwickeln wie ich und vor allem drittens: Wenn ein schönes Mädchen viel Zeit mit einem Trainer verbringt, solltest du die Natur ihres Verhältnis hinterfragen, bevor du dir über Monate sinnlos Hoffnung machst.

Trotz allem lernte ich etwas daraus: Ich lernte, dass ich durchaus fähig bin, etwas an mir zu ändern und ich lernte, dass ich keine funktionierende Sozialkompetenz besaß.

Während einer meiner weiteren Wanderungen durch den Wald, führte ich irgendwann beides zusammen und entschloss mich, einfach ein anderer Mensch zu werden. Ich dachte, eine Persönlichkeit wäre durchaus mit einem Körper vergleichbar, der sich formen und trainieren, anpassen und optimieren lässt. Leider wusste ich nicht, wie ich das erreichen konnte. Mein erster Ansatz war, mir einfach vorzustellen, wie ich gerne sein würde. Und dann in jeder möglichen Situation mich so verhalten, wie diese fiktive Person es tun würde. Der Ansatz war natürlich völlig zum Scheitern verurteilt.

Samstage

leichenhalleDie Herausforderung besteht darin einen Samstag ohne Absturz zu überstehen. Eine Aufgabe, die mir in den letzten Monaten nicht gut gelungen ist.

Zu meinen Studienzeiten unterschieden sich die Samstage nicht von sonstigen Wochentagen, außer dem Versprechen das ich für eine gewisse Zeitspanne nicht unter Menschen sein muss. Ansonsten waren sie eben ein Zeitintervall, das angefüllt war mit Aufgaben und Verpflichtungen die ich eben prokastinierte oder erledigte, je nachdem.

Tatsächlich machte mit dir Indifferenz der Samstage zu schaffen. Ich wünschte mir ziemliche lange sehnsüchtig die Schulzeit zurück. Denn bei allen Problemen die ich da hatte, hatte ich zumindest die Möglichkeit die Wochenenden zu genießen. Ein Lichtblick, der mich über die Woche hin bei Laune hielt und mich auf die Freitage hoffen ließ.

Während meiner Studienzeit erlebte ich eine einzige Nivellierung. Sämtliche Auf und Abs der Woche und auch sonst, wichen einer stetigen Monotonie. Welcher Tag, welcher Monat oder welches Jahr gerade aktuell war, war ein Faktum, dessen Bedeutung für mich immer mehr verblasste.

Ich freute mich darauf, nach dem Abschluss meines Studiums, mit dem Eintritt ins Berufsleben, wieder eine Bedeutung in den Wochenenden sehen zu können.

Ich merkte recht schnell, in den ersten Wochen meines Berufslebens, dass sich diese Erwartungshaltung nicht einfach so erfüllen wird. Ich habe ein ganz grundsätzliches Problem übersehen: Was mich die Wochenende während meiner Schulzeit als so schön empfinden ließ, war nicht allein die Abwesenheit der Schule. Sondern auch, dass es tatsächlich Dinge gab, die ich gerne und ausgiebig während meiner freien Zeit tat.

Im Laufe der Jahre bin ich diesen Dingen entwachsen und an ihrer Stelle ist nichts getreten. Und so stehe ich an den Wochenenden vor dem Problem, dass ich absolut keine Idee habe, was ich mit mir anfangen kann. Die Samstage haben mich den Zustand von Freud- und Interessenslosigkeit am deutlichsten spüren lassen. Ich bereue seit Jahren jeden Tag, den ich nicht als zufrieden und wertvoll empfinde. Und an einem Samstag kann ich kaum anders, als mir das Leben auszumalen, dass ich nicht führe.

Ich bin zum Glück recht pragmatisch orientiert und probiere seit Monaten Dinge aus, die ich tun könnte. Leider werde ich sobald wohl weder japanisch Sprechen noch Klavierspielen lernen. Quantenphysik wird mir ebenso verwehrt bleiben wie Baustilkunde. Trotz vieler Übung, werde ich wohl niemals Zeichnen können. Aber eine Sache habe ich zumindest gefunden, die mir relativ Freude macht und — ein großer Pluspunkt — eine Veranlassung gibt das Zimmer zu verlassen: Das Photographieren.

friedhofskatze

Letzten Samstag habe ich mich, bevor die Dysphorie zuschlagen konnte,  aufgemacht  und Kaiserslautern circa sechs Stunden lang zu Fuß erkunden. Übrig geblieben ist vor allem die Erkenntnis, dass durch Kaiserslautern spazieren nichts ist, was einen vor Depressionen bewahrt.

Aber drei positive Dinge konnte ich dennoch mitnehmen. Zum einen eine Bekanntschaft mit einer ausnehmend schönen und liebenswürig scheuen Katze. Die freudige Überraschung, dass es in Kaiserslautern tatsächlich einen hübschen Friedhof gibt. Und schließlich einen sehr symphatischen Teeladen.

Letzteren hatte ich schon seit längerem ins Auge gefasst, weil ich annahm, ich könnte mich zu einem produktiven Teetrinker entwickeln. Leider habe ich große Hemmungen in kleinen Läden herein zu gehen, da ich mich da sofort beobachtet fühle.

Ich weiß nicht, der wievielte Anlauf dieser Samstag war, aber nach mehreren Stunden Fußmarsch überwältig irgendwann die Erschöpfung die Neurosen und ich schaffte es rein- und mit grünem Tee wieder rauszugehen. Ein Getränk übrigens, dass ich nur empfehlen kann.

klwald

Tatsächlich habe ich auch etwas Wald mitten in Kaiserslautern gefunden. Wie ich finde, sogar ein ziemlich schönes Fleckchen.

Kein guter Samstag, aber immerhin der Beste seit Langem.

Anfang

Das hier wird eher ein klassisches Tagebuch werden. Also rein egozentrisches Betrachtungen, des einzigen Themas das ich wirklich spannend finde: Mich. Wenn jemand lesen möchte kann das gerne getan werden, aber ich diskutiere nicht so gerne über mich.

Ich bin ein bisschen komisch und ich halte meine Persönlichkeit und Gedanken in einigen Punkten für unstetig. Für gewöhnlich behaupten Menschen von sich selbst, dass sie sowas sympathisch finden. Dass sie die „Freaks” schon immer spannender fanden, als die „Normalen”. Meiner Erfahrung nach stimmt das nicht und es gibt auch keinen Grund dazu.

Ich bezeichne mich häufiger bei Selbstbetrachtungen als Freak, obwohl ich in den meisten Dingen eher mediokren bin. Aber ich habe einige Defizite und dysfunktionale Idiosynkrasien, gegen die ich, bis dato vergeblich, anzuschwimmen versuche. Und ich bin zunehmend frustriert darüber. Mehr steckt nicht dahinter; ich bin weder besonders spannend noch originell. Der Zweck des Blogs hier, ist vor allem mich dazu anzutreiben ein Journal zu führen. Ich habe so meine Probleme Dinge zu tun, wenn ich mich nicht dazu gezwungen sehe.

Ich nenne den Blog hier separare, weil mich seit langem meine Isolation beschäftigt, die sich aus der Abwesenheit eines sozialen Umfelds ergibt. Früher, als ich noch deutlich bindungsgestörter und allgemein neurotischer war, fand ich die Isolation toll. Nicht inhärent toll; aber mit Menschen zusammen sein, war eine so schreckliche Vorstellung, dass die einzig denkbare Alternative, alleine sein, im Vergleich dazu wunderbar klang. Im Laufe der Jahre, habe ich eine Verlagerung erlebt. Zum Beispiel verschwand mein psychosomatisches Erbrechen, wenn ich in Gesellschaft bin und mich überfällt kein unbeschreiblicher Ekel mehr, wenn ich mir vorstelle eine Freundschaft zu führen.

Da also die Aversion gegen das Zusammensein verblasst, verblasst auch zunehmend die Attraktivität des Alleinseins und ich erlebe sie immer stärker als eine Form der Einsamkeit.

Eine Entwicklung, die mir erstmal richtig bewusst wurde, als ich im Laufe meines Studiums, eine Periode erlebte, in der ich über mehrere Wochen hinweg nicht eine Interaktion mit Menschen hatte. Ich spürte, dass allmählich etwas in mir atrophierte und ich apathisch wurde; außerdem hatte ich die aufrichtige Sorge, meine Fähigkeit zu Sprechen zu verlieren. Ich neige manchmal zu Dramatisierungen.

Ich war da noch ein wenig naiv und dachte, dass eigentlich nur mein Unwillen zu sozialen Kontakten, mich in die Isolation trieb und ich doch bestimmt mit Leichtigkeit Freunde finden könnte. Immerhin, sind die meisten Menschen da draußen so interessant, wie ein Glas lauwarmes Wasser. Und die haben alle Freunde. Es kann also nicht so große Hürden beinhalten, Freunde zu organisieren.

Ich habe es jetzt, nach fast 30 Lebensjahren nicht geschafft, eine wirklich präsente stabile zwischenmenschliche Beziehung aufzubauen. Eine, die nicht primäre eine Quelle von Frustration und unerfüllten Erwartungen ist.

Ich habe in den letzten zwei Jahren, eine sehr positive Persönlichkeitsentwicklung leisten können. Ich kann mich, ein absolutes Novum für mich, in Gruppen integrieren und Gespräche führen. Ich denke, ich bin darin mittlerweile sogar nach menschlichen Maßstäben einigermaßen gut. Das ist allerdings eine reine Konsequenz der Notwendigkeit. Ich muss mich integrieren können, wenn ich eine Arbeit finden und behalten will. Leider gibt es im Leben keine Notwendigkeit Freundschaften aufzubauen.

Da ich eine Neigung zur Vollständigkeit habe, möchte ich meine derzeitig tatsächlich vorhanden Sozialkontakten erwähnen: Ich bin in einem Pro-*-Forum (Pro-Ana, Pro-Mia, Pro-SVV, …), in dem ich sehr viele, äußerst spannende und liebenswürdige Menschen kennen lernen durfte.

Eine Person daraus ist sogar jemanden, den ich als Freund bezeichnen würde. Allerdings über 300km von mir entfernt. Wir sprechen uns eher unregelmäßig und auch rein schriftlich, aber dennoch, würde ich das nicht nur nach meinen defizitären Maßstäben als eine fruchtbare Freundschaft bezeichnen. Das ist schon viel denke ich, aber eben auch nicht genug.

Desweiteren habe ich jemanden, den ich als meine Freundin bezeichne. Aber das ist von Anfang nicht wahr gewesen und über die Zeit ist es sogar noch unwahrer geworden. Es ist seit langem eine infrequente, platonische, eher oberflächliche Freundschaft geworden.

Ich habe es geschafft mich an diesem Samstag um 7 Uhr aus dem Bett zu quälen. Metaphorisch gesprochen. Ich bin zumindest bei Bewusstsein. Ich wollte den Sonnenaufgang photographieren. Aber die Morgenstunden verstärken mein Gefühl der Einsamkeit. Ich erinnerte mich an den Blog hier, den ich vor Monaten angelegt habe und dachte mir, ich sollte es einfach mal durchziehen. Mal schauen.