Seltsame Dynamiken – Teil 1

Als ich von der Grundschule zur Hauptschule wechselte, war ich plötzlich gezwungen mit dem Schulbus zu fahren. Das Fahren mit so einem Schulbus ist nur sekundär ein Transportakt. Primär ist es eine Inszenierung vom Herr der Fliegen; ein kleiner Ausblick wie so eine postapokalyptische Welt funktionieren würde, wenn man eine Menge unterbelichteter Soziopathen auf engem Raum zusammen pfercht.

Da ich wenig Lust hatte unbestimmte Minuten auf einen notorisch verspäteten Bus zu warten, um mich dabei vor älteren Mitschülern schlagen, mit Steinen bewerfen, verspotten und sonst was zu lassen und vor allem, weil die Busfahrt meine Toleranzschwelle für das Kubik-Idiot-Verhältnis mehr als sprengte, habe ich mich frühzeitig dazu entschlossen die Strecke zu Fuß zu gehen.

Beim Hinweg folgte ich der Straße, was eine überschaubare, wenn auch unangenehme Strecke war. Unangenehm deshalb, weil ich mich von den vorbeifahrenden Wagen ständig beobachtete fühlte. Der Spotlight-Effekt war bei mir schon immer sehr stark ausgeprägt gewesen. Beim Rückweg gönnte ich mir aber die Zeit und ging durch einen angrenzenden Wald.

Ich war damals nur dann annähernd entspannt, wenn ich garantiert ungestört und alleine war. Glücklicherweise bot mit dieser Weg genau das. Dieser Nachhauseweg war im Grunde eine Stunde lang reiner Eskapismus.

Im Grunde eine schöne Zeit des Tages, wenn ich grundsätzlich zu solchen Empfindungen, wie Glück und Zufriedenheit fähig wäre. War und bin ich aber nicht. Damals schon von Selbsthass und grimmigen Trotz getrieben, sinnierte ich über mich und mein Leben nach. Beides keine angenehmen Themen, aber ich hatte keine anderen.

Mein Selbsthass war total. Ich hasste meinen übergewichtigen, weichen, rundlichen, unsportlichen und ungeschickten Körper, meine soziale Schwerfälligkeit, mein fragiles, launisches Selbstwertgefühl, meine unpassende Heulerei, meine Einsamkeit; ich hasste was ich tat, wer ich bin und was hatte. Das einzige was ich an mir mochte, das war mein Selbsthass. Ich konnte mich damit identifizieren; der Hass gab mir Motivation und Antrieb und suggerierte mir ein Bild von Stärke und Überlebensfähigkeit.

Irgendwann während jener Wanderungen entschloss ich, dass ich, wenn ich mich selbst hasse doch einfach jemand anderen werden könnte. Dieser Gedanke wurde ausgelöst durch einen demütigenden Langlauftag. Ich habe die zu joggende Strecke kaum gehend geschafft und ging als einer der letzten ins Ziel ein. Da nur die Klassenleistung bewertet wurde und ich die Leistung meiner Klasse so in den Keller zog, wurde ich entsprechend behandelt und ausgegrenzt.

Angefüllt mit Erschöpfung und Selbstverachtung beobachtete ich neidend die Läufer der anderen Klasse, die sportlich und elegant ins Ziel laufen konnten. Die dabei bejubelt wurden, die gut aussahen, die sich über ihren Erfolg freuten, die positive Aufmerksamkeit und Wertschätzung bekamen, die nach Hause gehen konnten und ihre beschissenen Medaillen aufhängen durften, um sie bei den vielen Gelegenheiten in denen sie Besuch hatten zusammen mit anderen Trophäen zu präsentieren.

Besonders aufgefallen ist mir eine, in meinen Augen, wunderschöne Läuferin die damals als erste ins Ziel kam. Zwischen dem destruktiven Neid meines kindlichen Gemüts mischte sich zu diesem Zeitpunkt erstmals so etwas wie sexuelles Verlangen und romantisches Begehren.

Ich wollte in ihre Welt eindringen und dachte, das würde mir gelingen sobald ich meine körperlichen Defizite überwinden könnte.

Ich fing an, den nach Nachhauseweg joggend zurück zu legen. Eigentlich ein lustiger Anblick: Ein kleiner fetter Junge, der mit schwerem Rucksack beladen, sich vergeblich bemüht durch den Wald zu rennen. Leider hatte ich außer dem Wunsch endlich, endlich jemand anderes zu werden zu diesem Zeitpunkt wenig, um meine Ziele auch tatsächlich zu erreichen. Ich hatte niemanden er mich unterstützen konnte, ich wusste nichts über Sport oder Ernährung, mir fehlte es an Ausdauer und Selbstdisziplin und ich hatte noch nicht einmal wirklich Zuversicht auf ein Gelingen.

Ein paar Wochen später bekamen wir an der Schule einen Gastvortrag eines privaten Trainers. Er referierte lange und interessant über adäquate Ernährung, über Bewegung und Training. Gegen Ende fragte er in der Klasse, ob jemand der Schüler Interesse hatte sich von ihm trainieren zu lassen. Als ich meinen Mut zusammen nahm und mich vor der gesamten Klasse zaghafte meldete, war mir nicht klar gewesen, dass er genau jenes Mädchen ebenfalls trainierte, das ich so sehr begehrte.

Es war das erste mal, dass ich so etwas wie einer freiwilligen sozialen Tätigkeit nachkam und ich war relativ stolz auf mich. Der informelle Charakter des Trainings und die recht kleine Größe unserer Gruppe halfen mir.

Durch den regelmäßigen Sport und eine Diät nahm ich schnell ab und wurde allmählich sportlicher. Die Fähigkeit längere Strecken ohne Seitenstechen und krampfhaftes Hecheln zu joggen, schenkte mir ein Hochgefühl. Ich denke, es war einer der ersten Augenblicke, bei dem ich so etwas wie Stolz auf meinem Körper spürte.

Mit dem Subjekt meiner Begierde kam ich auch in Kontakt. Das geschah eher unvermeidlich, da wir die einzigen beiden waren, die wirklich regelmäßig trainierten und in einem gemeinsamen Alter waren. Ohne diese Konditionen, hätte ich vermutlich nie ein Wort mit ihr gewechselt, da ich vollkommen unfähig war, mich auf eine funktionale Art und Weise einem anderen Menschen zu nähern. Ich wusste nicht, was ich sagen oder tun sollte, wie man Konversation führt, wie man Interesse weckt, wie man etwas zusammen unternimmt.

Ich hatte es vorher auch noch nie ernsthaft versucht und war über mein Mangel an sozialer Fähigkeit völlig frustriert. Mir ist zum ersten mal bewusst geworden, dass ich ganz unabhängig von meinen körperlichen Defiziten, einfach nicht in der Lage war mit Menschen auf eine freundschaftlich, intime Art zu interagieren. Dafür war mein soziales Repertoire bei weitem schlicht zu verkümmert.

Meine Versuche diese unsichtbare Wand zwischen ihr und mir zu durchbrechen, waren in der Summe zu peinlich um sie hier aufschreiben zu können. Letztendlich verblieben wir bei einem schüchternen Umgang miteinander und ich begehrte sie im Stillen.

Nur ein Moment war uns tatsächlich vergönnt: Wir waren für eine Woche in einem gemeinsamen Trainingslager. Während einer Nacht dort, kam sie in mein Zimmer und fragte, ob ich Zeit für sie hätte. Natürlich hatte ich das, obwohl es mir etwas peinlich war, dass ich, als ich aus dem Bett aufstand in Schuhe und Jeans vor ihr stand, da ich in einer derartig fremden Umgebung mich nicht traute, auch nur ein Kleidungsteil auszuziehen.

Sie führte mich in einen leeren Raum. Wir fingen an Tetris gegeneinander zu spielen. Wir sprachen nicht miteinander. Ich gewann. Und wir hörten auf zu spielen und trennten uns wieder. Ich weiß bis heute nicht, wie es dazu kam, aber ich hatte das Gefühl, dass sie mehr wollte. Ich weiß nicht was; vielleicht eine Unterhaltung über etwas führen, das sie beschäftigte. Aber ich wusste nicht, was ich sagen oder tun sollte und so blieb es dabei.

Wir kamen niemals auf irgendeiner Ebene zusammen und irgendwann verlor ich auch schlicht das Interesse daran.

Im Nachhinein ist mir aber einiges klarer. Erstens: Ich hatte nie Interesse an ihr als Person, weil sie für mich charakterlich nicht spannend genug war. Meine Versuche mit ihr zu reden, waren einfach von vorneherein zum Scheitern verurteilt, da wir kaum eine gemeinsame Gesprächsbasis hatten. Trotzdem schob ich unser kühles Verhältnis vollständig auf mich und Unfähigkeit ein Gesprächs zu führen. Zweitens: Ich denke, sie war tatsächlich auch an mir interessiert, aber vermutlich ähnlich unfähig, dies zu entwickeln wie ich und vor allem drittens: Wenn ein schönes Mädchen viel Zeit mit einem Trainer verbringt, solltest du die Natur ihres Verhältnis hinterfragen, bevor du dir über Monate sinnlos Hoffnung machst.

Trotz allem lernte ich etwas daraus: Ich lernte, dass ich durchaus fähig bin, etwas an mir zu ändern und ich lernte, dass ich keine funktionierende Sozialkompetenz besaß.

Während einer meiner weiteren Wanderungen durch den Wald, führte ich irgendwann beides zusammen und entschloss mich, einfach ein anderer Mensch zu werden. Ich dachte, eine Persönlichkeit wäre durchaus mit einem Körper vergleichbar, der sich formen und trainieren, anpassen und optimieren lässt. Leider wusste ich nicht, wie ich das erreichen konnte. Mein erster Ansatz war, mir einfach vorzustellen, wie ich gerne sein würde. Und dann in jeder möglichen Situation mich so verhalten, wie diese fiktive Person es tun würde. Der Ansatz war natürlich völlig zum Scheitern verurteilt.

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s